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Ursula Palla im Kunstraum Dornbirn
jeudi, 10 décembre 2026 18:00 - 19:00
Description
Eine eigenwillige Vegetation nimmt den Kunstraum Dornbirn ein. Dunkle Stängel, Blätter und Blüten, manche kaum kniehoch, andere überkopf groß, sprießen in der ehemaligen Industriearchitektur. Wie dem Erdreich entrissen stehen Wurzelstöcke auf dem Boden, andernorts entwachsen die Stiele direkt dem Beton.
Was zunächst wie eine karge, vom Verfall bedrohte Landschaft erscheint, erweist sich beim Näherkommen als beständig und schwer: Die Pflanzen sind in Bronze abgegossen, jede ein Unikat. Jedes Detail, jede Blattader, jeder Dorn ist sichtbar. Es sind keine prachtvollen Gewächse oder botanischen Besonderheiten, denen Ursula Palla ein plastisches Denkmal setzt.
Es sind sogenannte Unkräuter, Wild- und Pionierpflanzen oder Heilkräuter, die an den Rändern unserer Aufmerksamkeit wachsen, verdrängt und entfernt werden oder gerade dort gedeihen, wo andere Pflanzen keine Lebensgrundlage finden. In „Fahles Licht“ werden sie zu den Protagonistinnen einer imaginären Landschaft.
Erstmals führt Palla dafür die über mehrere Jahre entstandenen Werkgruppen „Empty Garden 3“ (2019–2022), „Fireweeds“ (2022–2024) und „Botanical Notes – Hortus Medicus“ (2023/2024) mit der neuen Videoarbeit „Reblooming“ (2026) zu einer raumgreifenden Gesamtinstallation zusammen. Die Schweizer Künstlerin entwickelt damit ein dichtes Gefüge aus Skulptur, bewegtem Bild, Licht und Schatten.
Der Ausgangspunkt liegt in einer grundlegenden Auseinandersetzung, die Pallas Werk seit Langem prägt: Ihr künstlerisches Schaffen stellt den Menschen mit all seinem Tun, seinen Hoffnungen, Irrtümern und den Spuren, die er in der Welt hinterlässt, ins Zentrum.
Dabei richtet sie den Blick auf seine vielschichtigen Beziehungen zur Umwelt und seine Verantwortung in diesem existenziellen Wechselspiel. Palla versteht die Mensch-Umwelt-Beziehung nicht nur bezogen auf das Ökosystem, sondern ebenso in den Übergängen vom Natürlichen zum Artifiziellen und in der Manipulation unserer Wahrnehmung.
Besonders interessieren Palla in diesem Kontext jene häufig übersehenen Momente, in denen sichtbar wird, wie fragil das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur tatsächlich ist und wie schnell es kippen kann.
Das vermeintliche Unkraut ist dafür ein bemerkenswert präziser Ansatzpunkt. Bereits seine Bezeichnung beschreibt weniger eine botanische Kategorie als eine menschliche Wertung. Wie konstruieren wir Natur? Was darf wachsen und was muss weichen? Welche Pflanze wird kultiviert, welche herausgerissen? Welche Vorstellung von Natur entsteht, wenn der Mensch darüber entscheidet, was innerhalb eines Gartens, einer Landschaft oder eines Ökosystems erwünscht ist?
Diese Fragen finden in „Empty Garden 3“ einen konkreten kunstgeschichtlichen Resonanzraum. Die Werkgruppe nimmt ihren Anfang bei einem Besuch der Künstlerin von Claude Monets berühmtem Garten in Giverny. Die sorgfältig kultivierte Anlage steht mit ihrem impressionistischen Farbenrausch paradigmatisch für eine Wildheit, die Ergebnis permanenter Auswahl und Gestaltung ist.
Im Winter pausiert diese Überfülle und die Flächen erinnern an brachliegende Felder. Im Januar 2013 beobachtet Palla, wie heimische Wildpflanzen kurzzeitig in dieses kontrollierte Terrain zurückkehren. Jene Pflanzen greift sie auf und gießt ihr Abbild in Bronze. Das unsichtbar Gemachte kehrt zurück und das vermeintlich Wertlose erhält durch eines der traditionsreichsten Materialien der Bildhauerei eine Dauerhaftigkeit, die seine beharrliche Wiederkehr in skulpturale Präsenz übersetzt.
Darin zeigt sich Pallas einfühlsamer Dialog mit Materialien, Räumen und Geschichten. Material ist nicht lediglich Träger einer Form, sondern Teil ihrer Erzählung. Transformation wird zum künstlerischen Verfahren, das materielle Veränderungen ebenso umfasst wie die Verschiebung von Wahrnehmung und Bedeutung. Besonders eindringlich wird dies in der Werkgruppe „Fireweeds“ erfahrbar.
Das Schmalblättrige Weidenröschen gehört zu jenen Pionierpflanzen, die Kahlschläge und Brachflächen besiedeln und sich beispielsweise nach Waldbränden besonders schnell ausbreiten. Daher stammt seine in Kanada gebräuchliche Bezeichnung „Fireweed“. In Deutschland ist die Pflanze zudem als „Trümmerblume“ bekannt, weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Erste auf zerstörten Flächen blühte. Palla gießt ihre Weidenröschen in einer speziellen Metalllegierung aus Bronze und Waffenstahl.
Im neuen Material bleibt die Geschichte der Zerstörung eingeschrieben, zugleich richtet sich der Blick auf etwas Werdendes: „Die Skulpturen transformieren Waffen zu Pflanzen, wenden sich gegen Zerstörung und Gewalt und werden zur Metapher für das Prosperierende und Zukünftige.“ (Ursula Palla)
Recherche und Wissensaneignung sind für Palla untrennbar mit dem künstlerischen Denken verbunden: Ökologische Zusammenhänge, wissenschaftliche Erkenntnisse und historische Quellen bilden die Grundlage ihrer ästhetischen Entscheidungen und Erzählstränge. In der Werkgruppe „Botanical Notes – Hortus Medicus“ widmet sich die Künstlerin den Heilpflanzen und dem Hortus medicus, einer Gartenform, die medizinisches und botanisches Wissen systematisch ordnet und bewahrt. Diese Tradition reicht von den mittelalterlichen Klostergärten über die Lehrgärten der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart.
In Pallas Arbeit fügt sich die Sammlung zu einer imaginären Weltapotheke. Biodiversität erscheint damit nicht nur als ökologische Größe, sondern auch als lebendiges Archiv: Weltweit werden rund 50.000 Pflanzenarten medizinisch genutzt, bis zu 15.000 davon gelten Schätzungen zufolge als bedroht. Gerade wild wachsende Heilkräuter sind ein bedeutendes Reservoir genetischer Vielfalt und könnten Ausgangsstoffe künftiger Medikamente liefern.
Mit „Reblooming“ erhält das wiederkehrende Motiv des Verschwindens schließlich eine immaterielle Form. Vom Aussterben bedrohte Wildpflanzen erscheinen als Schattenprojektionen auf dem Boden und vermischen sich dort mit den realen Schatten der Pflanzenabgüsse. Körper und Bild, Vorhandenes und Verschwindendes gehen ineinander über.
An diesem Punkt öffnet sich auch der Ausstellungstitel „Fahles Licht“ für eine mögliche Lesart: Während der Wintermonate fällt gedämpftes Tageslicht durch die großen Fenster der historischen Montagehalle und verändert die Erscheinung der Landschaft im Tagesverlauf. Gleichzeitig lässt das künstliche Licht der Projektionen bedrohte Pflanzen als flüchtige Bilder wiederkehren. Das fahle Licht wird zum Zwischenzustand: Es lässt sichtbar werden und trägt zugleich die Möglichkeit des Verschwindens in sich.
So erzählt die Ausstellung „Fahles Licht“ von einer Natur, die alles andere als statisch ist. Lebensräume schwinden, Biodiversität geht verloren und natürliche Rhythmen geraten aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig richtet Palla den Blick nicht ausschließlich auf das Verlorene. Ihre Pionierpflanzen tragen das Potenzial des Neubeginns in sich: Sie wachsen auf zerstörten, verbrannten oder brachliegenden Böden und bereiten Bedingungen vor, unter denen anderes Leben folgen kann. Bedrohung und Beharrlichkeit, Abwesenheit und Wiederkehr, Zerstörung und Regeneration liegen in dieser Landschaft nah beieinander.
Darin liegt auch die poetische Qualität von Pallas Arbeiten. Sie bebildern ökologische Zusammenhänge nicht und erschöpfen sich ebenso wenig in einer Warnung vor ihrem Verlust. Vielmehr übersetzt die Künstlerin das Wissen, das ihrer Arbeit vorausgeht, in sinnlich erfahrbare Situationen. In der monumentalen Industriearchitektur des Kunstraum Dornbirn breitet sich so eine Landschaft aus, deren Protagonistinnen gerade jene unscheinbaren Pflanzen sind, die sich menschlicher Kontrolle immer wieder entziehen.
Das Natürliche und das Artifizielle lassen sich dabei ebenso wenig eindeutig voneinander lösen wie Zerstörung und Neubeginn. Pallas Arbeiten bewegen sich in diesen Übergängen: zwischen Natur und Artefakt, Verlust und Wiederkehr, Zerstörung und Regeneration. Aus dieser Ambivalenz entwickelt Palla einen offenen Denkraum: nicht als idealisiertes Bild einer unberührten Natur, zu der wir zurückkehren könnten, sondern als Frage danach, welche Formen des Zusammenlebens mit ihr zukünftig noch möglich sein werden.
Organisateur: Kunstraum Dornbirn
Kunstraum Dornbirn
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