Christy Doran & Franz Hellmüller (acoustic guitars)
Ein Weg zur Freiheit
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Am Ende des 18. Jahrhunderts formulierte Friedrich Schiller diese schöne Formel in seinen Briefabhandlungen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Er wandte sich gegen die reglementierende Diktatur der Vernunft, aber genauso auch gegen eine ungerichtete Herrschaft der Sinne. Eine zwischen den Extremen angesiedelte Schönheit wies für den deutschen Klassiker in seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen den Weg zur Freiheit.
Diese Dualität von Spiel und Menschsein gibt dieser Duo-Musik ihren tieferen Grund. Beide kennen und schätzen sich lange. Ein Vierteljahrhundert ist es her, da war Franz Hellmüller (Jahrgang 1973) Christy Dorans (Jahrgang 1949) Student im schweizerischen Luzern, wo beide noch immer wirken. Die höchste Achtung beider vor der Arbeit des anderen mündete in eine Freundschaft, und wenn man sie konkret danach fragt, nennt jeder den anderen „einen meiner Helden“. Gute Voraussetzungen also für gemeinsames Spiel, für menschliche Dialoge, die wie ein Gespräch sind. Zuhören und Reagieren sind die Elemente, die es prägen.
Beide sind längst
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Christy Doran & Franz Hellmüller (acoustic guitars)
Ein Weg zur Freiheit
„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Am Ende des 18. Jahrhunderts formulierte Friedrich Schiller diese schöne Formel in seinen Briefabhandlungen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Er wandte sich gegen die reglementierende Diktatur der Vernunft, aber genauso auch gegen eine ungerichtete Herrschaft der Sinne. Eine zwischen den Extremen angesiedelte Schönheit wies für den deutschen Klassiker in seinen geschichtsphilosophischen Überlegungen den Weg zur Freiheit.
Diese Dualität von Spiel und Menschsein gibt dieser Duo-Musik ihren tieferen Grund. Beide kennen und schätzen sich lange. Ein Vierteljahrhundert ist es her, da war Franz Hellmüller (Jahrgang 1973) Christy Dorans (Jahrgang 1949) Student im schweizerischen Luzern, wo beide noch immer wirken. Die höchste Achtung beider vor der Arbeit des anderen mündete in eine Freundschaft, und wenn man sie konkret danach fragt, nennt jeder den anderen „einen meiner Helden“. Gute Voraussetzungen also für gemeinsames Spiel, für menschliche Dialoge, die wie ein Gespräch sind. Zuhören und Reagieren sind die Elemente, die es prägen.
Beide sind längst ausgewiesene Meister ihres Instruments Gitarre. Franz Hellmüllers Spiel ist geprägt von einer Eleganz mit Reibeflächen, von der Sophistication des Jazz, mit der er seine Geschichten entwickelt. Diverse seiner Aufnahmen zählen in Europa zu den Referenzen des Genres Gitarrentrio. Die Gitarre empfindet er als sein Sprachrohr, als sein Instrument, auf dem er nach Tiefe, Emotionalität und immer neuen Antworten sucht.
„Ich werde nicht müde, ihm zuzuhören“, sagt Franz Hellmüller, fragt man ihn nach Christy Doran, „er ist ein sehr vielseitiger Musiker und er geht seinen eigenständigen Weg.“ Mittlerweile stehen für ihn, der nicht nur mit dem Quartett OM Jazzgeschichte geschrieben hat, frei improvisierte Sachen im Zentrum seiner Arbeit. Elemente des Rock prägen ihn stark und der Wunsch, der Hörer möge es sich bei ihm nicht allzu bequem machen. Battles, die ja im Jazz eine lange Geschichte haben, wenn Musiker an gleichen Instrumenten aufeinandertreffen, mag Christy Doran nicht, würde es doch bedeuten, das Vorige im gleichen Gestus steigernd zu wiederholen. Ihm geht es im Gegensatz dazu darum, dass ein nächstes Solo in eine andere Richtung geht und so die Spannung gehalten wird: Erwarte das Unerwartete. So denkt auch Franz Hellmüller: „Die Musik fragt in jedem Moment nach etwas Bestimmtem, damit sie weitergehen kann. Nach dem Prinzip höher-schneller-weiter mag ich meine Storys nicht entwickeln.“ Christy Doran sieht die Gitarre als „ein Instrument, das viele Türen offen lässt. Mit der akustischen Gitarre scheint ja alles schon gespielt worden zu sein, da noch etwas hinzuzufügen war unser Ziel. Und von der freien Musik hab ich es, dass man die Spannung halten kann, ohne dass man immer auf die Tube drücken müsste.“
Zwei Freigeister und beste Voraussetzungen also, im gemeinsamen Spiel zu neuen Zielen aufzubrechen. Irgendwann haben sie dann über eine gemeinsame Duoarbeit gesprochen, zunächst nur als Absichtserklärung in der Möglichkeitsform. Doch der Gedanke setzte sich fest, fokussierte sich dann auf rein akustische Gitarren ohne elektronische Devices und ein Repertoire, das unbekannt und unüblich sein sollte. „Das war eben die Herausforderung. Ich spiele gerne akustische Gitarre, ohne Schnickschnack, auch zum Üben, so kam ich auf die Idee, das mal auszuprobieren“, erinnert sich Christy Doran. Beide begannen, kompositorisch dafür zu arbeiten, oder richteten aus anderen Konstellationen bekannte Stücke für dieses Format neu ein. Und irgendwann war der Zeitpunkt erreicht, wo die beiden Männer aus unterschiedlichen Generationen spürten, dass die Zeit reif ist.
Zwei Tage im Studio genügten, manche der Stücke bestanden schon als First Takes. etwas entwickelte spaßvoll und wie selbstverständlich seinen Fluss, war „on the go“ und füllte eine facettenreiche Spannweite, die von der geradezu süßen Ballade „Far away from Home“ bis zum ruppigen „Paros in November“ reicht. Eng verzahnt, nah beieinander und vollkommen gleichberechtigt machen die beiden ihre in sich schlüssige Musik, in der es um Gesamtbilder ebenso geht wie um Details und Nuancen. Beide bringen ihre ausgeprägten Individualitäten ein. Daraus vor allem resultiert der Reiz dieser kurzweiligen Interpretationen. Hier treffen zwei abenteuerlustige Künstler aufeinander in der kleinstmöglichen Diskurskonstellation. Und es überträgt sich ohne Umwege auf den Hörer, dass sie sich etwas zu sagen haben.
Natürlich geistern andere Gitarrenduos durch die Köpfe: McLaughlin/de Lucia, Abercrombie/Towner, Catherine/Coryell … Doch die Musik von Christy Doran und Franz Hellmüller hinterlässt ihren ganz eigenen Fußabdruck. Halb Komposition, halb Improvisation, so navigieren sie durch ihr Material, laden es auf mit Relevanz und Dringlichkeit, weil da immer diese kleinen Reibeflächen bleiben, die ihre Musik dezent durchziehen und ihr Abstürzen in schöne Fingerübungen oder glatte Konversationen verhindern. Diese Stücke haben ihren doppelten Boden bei aller Eleganz und allem Flow. Das übersteigt bloßes Virtuosentum. Es gibt dieser Kunst ihr Mehr, lädt sie mit Bedeutung auf und verhilft ihr zu Alleinstellungsmerkmalen, die sie zu etwas Besonderem veredeln. So entsteht hier genau das, was aus dem Zusammenklang von Emotion und Rationalität, von Sinnlichkeit und Vernunft mit humanem Spiel die Schönheit einzukreisen vermag.
Ulrich Steinmetzger
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