Musik und Architektur könnte man dieses Orgelkonzert im Klangraum Münster zum Eingang der Karwoche überschreiben: Denn neben bekannten Passionschorälen aus dem „Orgelbüchlein“ (O Mensch, bewein dein Sünde gross) und den „Leipziger Chorälen“ (O Lamm Gottes, unschuldig) spielt Münsterorganist Andreas Liebig Bachs Passacaglia c-moll. Dieses monumentale Variationenwerk – sicherlich auch ein klingendes Epitaph für den Lübecker Marienorganisten Dieterich Buxtehude – vereint in der Kombination von Passacaglia und direkt anschließender Fuge die Aspekte von Passion und Auferstehung (21 Zitate des Ostinato in der Passacaglia werden gespiegelt in 12 Themeneinsätzen der Fuge. Also 33 mal!). Der junge Bach legte mit diesem im wahren Wortsinne „Mass-stäbe“ setzendem Werk seine kompositorische Meisterprüfung ab und demonstrierte in vollendeter Weise das Prinzip der Einheit in der Mannigfaltigkeit, die Entwicklung eines Ostinato von der zyklischen Gebundenheit der Passacaglia in die sich öffnende Dynamik der Fuge: Kurz gesagt eine klingende Kathedrale! Und zum Abschluss erklingt im Blick auf Ostern die grandiose «Symphonie Romane» von Charles-Marie Widor (1844-1937), dem Vater der französischen Orgelsymphonik. In dieser von der Architektur der Romanik inspirierten viersätzigen Orgelsymphonie
...
show more
Musik und Architektur könnte man dieses Orgelkonzert im Klangraum Münster zum Eingang der Karwoche überschreiben: Denn neben bekannten Passionschorälen aus dem „Orgelbüchlein“ (O Mensch, bewein dein Sünde gross) und den „Leipziger Chorälen“ (O Lamm Gottes, unschuldig) spielt Münsterorganist Andreas Liebig Bachs Passacaglia c-moll. Dieses monumentale Variationenwerk – sicherlich auch ein klingendes Epitaph für den Lübecker Marienorganisten Dieterich Buxtehude – vereint in der Kombination von Passacaglia und direkt anschließender Fuge die Aspekte von Passion und Auferstehung (21 Zitate des Ostinato in der Passacaglia werden gespiegelt in 12 Themeneinsätzen der Fuge. Also 33 mal!). Der junge Bach legte mit diesem im wahren Wortsinne „Mass-stäbe“ setzendem Werk seine kompositorische Meisterprüfung ab und demonstrierte in vollendeter Weise das Prinzip der Einheit in der Mannigfaltigkeit, die Entwicklung eines Ostinato von der zyklischen Gebundenheit der Passacaglia in die sich öffnende Dynamik der Fuge: Kurz gesagt eine klingende Kathedrale! Und zum Abschluss erklingt im Blick auf Ostern die grandiose «Symphonie Romane» von Charles-Marie Widor (1844-1937), dem Vater der französischen Orgelsymphonik. In dieser von der Architektur der Romanik inspirierten viersätzigen Orgelsymphonie verarbeitet der legendäre Titularorganist der Pariser Kirche St. Sulpice und Orgellehrer Albert Schweitzers die Vorlagen gregorianischer Ostergesänge wie ‚Haec dies’ und ‚Victimae paschali laudes’ auf so persönlich poetische Weise, dass ihm eines der Hauptwerke französisch romantischer Orgelkunst gelang.
ANDREAS LIEBIG (geb. 1962 in Gütersloh/Westfalen) ist seit 2014 Münsterorganist in Basel. Nach Lehrtätigkeiten an den Musikhochschulen in Lübeck und Oslo leitete er zudem von 2013 bis 2015 die Orgelklasse des Tiroler Landeskonservatoriums in Innsbruck. Seit 2018 unterrichtet er an der Musikhochschule Freiburg. 1988 gewann er die 1. Preise bei den internationalen Orgelwettbewerben Dublin und Odense. Nach einem Kirchenmusikstudium in Herford studierte Liebig von 1983–89 Hauptfach Orgel-, Klavier- und Musiktheorie in Stuttgart u.a. bei Ludger Lohmann, Adu Frederica Faiss und Helmut Lachenmann. Weiterbildung in Köln, Paris, Wien, Lübeck und Freiburg bei Michael Schneider, Daniel Roth, Hans und Martin Haselböck, Zsigmond Szathmáry sowie bei Sergiu Celibidache in Mainz. Kantor und Organist in Dänemark, Norwegen und der Schweiz. Leitung erfolgreicher Festivals und Konzertreihen, u.a. Ostwestfälische Orgeltage 1992, Brahms-Festival Lübeck 1992, Krummhörner Orgelfrühling (2001 – 2011), Internationale Sommerkonzerte Dornum (Holy-Orgel 1710/11) und Orgelsommer Marienhafe (Holy-Orgel 1710-1713). Rege Konzerttätigkeit, CD-, Radio- und TV-Aufnahmen sowie Meisterkurse in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien mit weitgespanntem Repertoire vom Robertsbridge Codex bis zur Avantgarde. Vielbeachtete Bach-Aufnahmen an den historischen Orgeln in Groningen, Trondheim, Oelinghausen und Dornum. Jury-Mitglied internationaler Wettbewerbe. 2025 erschienen im Label Arcantus zwei von der Kritik hochgelobte CDs („Sternstunden aus dem Münster“ Musik &Theater) an der Basler Münsterorgel mit der Sopranistin Gudrun Sidonie Otto: DE PROFUNDIS (arc 25050): Werke von Bach, Reubke, Reger, Gubaidulina, Manneke, Nono, sowie NOSTALGIA: Brahms, Elf Choralvorspiele op. post. 122 und Dvořák, Biblische Lieder op. 99 (arc 25051).
show less